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Toxische Selbstansprüche als Musiker/in

Ein Guide zu einem gesünderen Umgang mit sich selbst und seinem musikalischen Projekt

Das Musikbusiness verlangt aufstrebenden Independent-Artists eine Menge ab. Man muss nicht nur ein guter Musiker oder eine gute Musikerin sein, sondern auch Marketing-Profi, Content-Spezialist/in, Konzertagentur, Manager/in und Buchhalter/in. Allein der Zugang zu der riesigen Vielfalt an Tools, Wissen und Plattformen zur Produktion von Musik und Content kann überfordern und zu Stress und Unsicherheit führen. In einigen Fällen, in denen der Druck besonders hoch ist, führt dieser Dauerstress sogar zu Burnout. Dabei sollte man hin und wieder die eigenen Ansprüche kritisch hinterfragen, um einen gesunden Umgang mit sich selbst und den auferlegten Aufgaben zu bekommen.

Teaserbild: Shutterstock / conrado

Inhalte

  1. DIY: Alles geht, alles muss!
  2. Überzogener Perfektionismus
  3. Fokus? Überall und nirgendwo – und manchmal sogar gleichzeitig!
  4. Unrealistische Ziele und fehlende Strategien
  5. Spiel, Satz, Sieg
  6. Vergleicheritis
  7. Niemals endende To-do-Listen

DIY: Alles geht, alles muss!

Als Musiker/in stehen uns heutzutage ein beinahe unerschöpflicher Pool an Wissen und Ressourcen zur Verfügung. Egal ob Musik-, Bild- oder Videoproduktion, Equipment, Softwares oder Social Media ­– man kann sich mit wenig finanziellem Aufwand ein großes Wissen aneignen und damit theoretisch alles für die eigene Musikkarriere selbst machen. Und das machen viele von uns auch, weil oft das nötige Kleingeld für Dienstleister fehlt.

Es gibt nicht wenige beeindruckende Beispiele für diese One-Person-Show: YouTuber/innen oder Instagram-Nutzer/innen, die als Musiker/in, Producer/in und Content Creator auf allerhöchstem Niveau unterwegs sind und somit eine beispiellos hohe Messlatte für Neueinsteiger/innen kreieren. Nun kann das natürlich ein toller Ansporn sein, die eigenen Skills auf diesen Feldern zu verbessern (und wenn das der Fall ist, ist das natürlich super). Bei vielen löst dieser hohe Qualitätsstandard in diesen mannigfaltigen Bereichen jedoch entweder Ablehnung oder Unsicherheit und Blockaden aus. Das Gefühl, vor einem riesigen, unüberwindbaren Berg an Aufgaben, Fragen und Problemen zu stehen, eint viele Newcomer. Aber wie gehen wir nun damit um, wenn wir heutzutage kaum drumherum kommen, viele verschiedene hoch spezialisierte Dinge selbst zu tun?

Zunächst sollten wir uns vor Augen führen, dass fast alle diese großen, großartigen und scheinbar multitalentierten YouTuber/innen ein Team im Hintergrund haben, die ihnen genau da unter die Arme greifen, wo sie selbst zu kämpfen haben. Und als jemand, der in Form eines 12 Monate, 12 Singles, 12 Videos“-Releasemarathons durch genau diese Hölle gegangen ist, kann ich euch sagen: Es ist schlichtweg unmöglich, sich all diese Dinge in kürzester Zeit und auf höchstem Niveau anzueignen. Nicht umsonst gibt es ausgebildete Expert/innen für Fachbereiche wie Künstlermanagement, Content Creation, Online-Marketing und Videoproduktion. Niemand kann alles und man sollte definitiv nicht an sich selbst zweifeln, nur weil man nicht alles auf einmal kann, will oder schafft.

Skills zu entwickeln und ein gutes Team aufzubauen braucht Zeit, und die sollten wir uns geben und nehmen. Mit Geduld und Durchhaltevermögen ist es durchaus möglich, sich in bestimmten Feldern abseits der Musik die nötige Expertise anzueignen, wenn man sich die richtigen Quellen sucht. Und mit guter Netzwerkpflege und ein wenig kommunikativem Geschick ist es definitiv auch möglich, sich ein verlässliches und motiviertes Team zusammenzustellen, das an einen glaubt und einem auch ohne absurd hohe Honorare unter die Arme greift, wenn es mal eng wird.

Überzogener Perfektionismus

Perfektion ist für viele Musiker/innen und Künstler/innen ein Thema, das sie ständig begleitet. Natürlich wollen wir stets das Bestmögliche aus unserer Kunst herausholen. Doch wir sollten lernen, zu differenzieren, warum genau und in welchen Bereichen wir von diesem Anspruch angetrieben werden.

Geht es wirklich um den ultimativen künstlerischen Ausdruck? Der Antrieb zum künstlerisch perfekten Produkt ist bis zu einem gewissen Maße gesund und gut – jedoch sollten wir lernen, wann wir im kreativen Prozess oder in der Post-Produktion einen Punkt machen müssen. Irgendwann wird der Take nicht mehr besser, der Mix nicht mehr transparenter und das Mastering nicht mehr lauter. Wir sollten uns fragen: Ist da gerade wirklich noch Luft nach oben oder versuchen wir unrealistischen Ansprüchen gerecht zu werden, Unsicherheiten zu kompensieren oder der Angst vor der öffentlichen Beurteilung zu begegnen, indem wir jeden letzten Knopf doch noch einen Millimeter weiterdrehen, weil das scheinbar die entscheidenden zehn Prozent ausmacht?
Nicht selten ist die erste, intuitive Entscheidung in solchen Prozessen ohnehin die beste, authentischste und charismatischste. Die isländische Künstlerin Björk hat mal gesagt:

Der größte Gefallen, den man als Künstler seinen Fans tun kann, ist so egoistisch zu sein wie möglich. Denn nur dann gibt man Ihnen das, was sie wollen und warum sie deine Fans sind: deine Persönlichkeit.

Und das gilt vom Song über das Arrangement und die Produktion bis zum Musikvideo!

Fokus? Überall und nirgendwo – und manchmal sogar gleichzeitig!

Überhaupt einen Fokus zu finden ist schon ein Skill an sich. Egal ob es um große Fragen nach der grundsätzlichen ästhetischen Ausrichtung oder Inszenierung eines Künstlers oder einer Künstlerin, die Vermarktung eines Albums oder kleine Prozesse in der tagtäglichen Organisation geht. Wenn wir uns nicht regelmäßig die Frage stellen, worum es gerade geht, warum es gerade darum geht und wie genau wir dem beikommen können, verzetteln wir uns schnell. Wie oben schon gesagt: Niemand kann alles gleichzeitig schaffen und dieser Anspruch ist letztendlich kontraproduktiv! Jeder einzelne Prozess verdient ein Mindestmaß an Konzentration, Zeit und Ruhe, um bewältigt zu werden.

Nehmen wir mal das Themenfeld Social-Media-Marketing als Beispiel. Es macht wenig Sinn, alle möglichen Plattformen gleichzeitig bedienen und perfektionieren zu wollen, denn dann werden wir uns mit keiner davon wirklich intensiv beschäftigen können. Wenn wir jedoch unseren Fokus klar auf eine oder maximal zwei bestimmte Plattformen legen, bleibt mehr Platz dafür, den Umgang mit diesen Plattformen auch zu meistern. Wenn dieser Schritt getan ist, werden automatisch wieder mehr Kapazitäten frei, sodass wir uns konzentriert mit einer anderen Plattform oder einem anderen Thema beschäftigen können.

Eine weitere Problemquelle durch einen Mangel an Fokus kann die fehlende Trennung kreativer Arbeit von Management- und Marketingtätigkeiten sein. Das für Management und Marketing nötige, pragmatische und auf Außenwirkung und Inszenierung gerichtete Mindset kann sich sehr hinderlich auf Songwriting und Producing auswirken. Wenn wir uns beim Schreiben eines Songs dabei erwischen, wie wir über die Content-Pläne nachdenken, die wir zwei Stunden vorher gestrickt haben, sollten wir dringend etwas ändern.

Klar definierte Kreativphasen, in denen auch mal das Handy aus ist und wir uns ganz befreit von allen anderen Sorgen der Musikkarriere in unsere Ideen stürzen, sind ergiebiger und inspirierender. Und wenn der kreative Dampf mal so richtig abgelassen ist, arbeitet es sich wiederum besser in anderen Bereichen!

Legt feste Bürozeiten für Marketing, Content-Kreation und ähnliches fest, oder definiert zumindest genau, wofür euer nächster Zeitslot gedacht ist.

Unrealistische Ziele und fehlende Strategien

Doch auch gesunder künstlerischer Perfektionismus und ein guter Fokus bewahren uns nicht unbedingt davor, uns selbst mit unrealistischen Zielen unter Druck zu setzen. Große Ziele sind richtig und wichtig, doch können sie, wenn sie zu groß gefasst werden, schnell vom sympathischen innerlichen Motivator zum hochtoxischen Drill Sergeant mutieren. Wenn wir uns unsere Ziele so hoch stecken, dass sie von vornherein kaum erreichbar sind, dann laufen wir Gefahr, uns selbst in das nimmer endende Hamsterrad zu locken, in dem wir so viel arbeiten können, wie wir wollen, ohne dass wir jemals zufrieden sind. Es braucht stattdessen realistische und gestaffelte Ziele. Ein paar Beispiele für konkrete Ziele (die genannten Zahlen sind natürlich beispielhaft):

Anstatt „Ich möchte in so viele Playlisten wie möglich kommen“, eher
„In der kommenden Woche möchte ich 20 Playlistkuratoren und 20 Blogs kontaktieren.“

Oder „Mit der nächsten Single möchte ich 5.000 Streams in einer Woche knacken.“
anstatt „Die nächste Single soll extrem steil gehen und ein Riesenhit werden.“

Andere Ziele könnten lauten: „Im nächsten halben Jahr möchte ich gerne die 1000 Follower-Marke auf Spotify knacken.“ oder „Im Laufe der nächsten drei Jahre möchte ich meinen finanziellen Rückfluss so weit erhöhen, dass er die Projektkosten deckt.“

Und im nächsten, genauso wichtigen Schritt, sollte es dann darum gehen, wie wir ganz konkret diese Ziele erreichen können und ob der damit einhergehende Workload machbar ist. Wenn wir es schaffen, die Arbeit am eigenen Musikprojekt mit solchen kleinen Zielen aufzuschlüsseln und zu strukturieren, dann wird der Erfolg automatisch realistischer und überschaubarer. Wir sind außerdem zufriedener, was wiederum eine Menge Energie und Selbstvertrauen freisetzt, um die nächsten Herausforderungen bewältigen zu können.

Spiel, Satz, Sieg

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Dieser vielzitierte Spruch kann ein sehr gesundes Mantra in Zeiten der hochprofessionalisierten Independent Musikszene sein, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht wie eine abgedroschene Phrase klingt. Niemand landet mit dem ersten Song einen Welthit. Niemand macht überhaupt jemals etwas zum ersten Mal und kann sich sofort und ohne weitere Übung und Erfahrung zu den Besten eines Fachs zählen. Wir machen eine Menge Fehler, starten unzählige unperfekte oder sogar erfolglose Versuche, bis wir eine Sache meistern. Klar können wir auch mal Glück haben oder ein ungeahntes Talent entdecken, aber das ist nicht der Normalfall, an dem wir uns messen oder mit dem wir rechnen sollten. Wie schon gesagt: Management, Marketing, Booking, Content Creation und Videoproduktion sind alles hochkomplexe Fachbereiche. Wenn wir uns dazu entscheiden, mehrere dieser Tätigkeiten selbst zu übernehmen, kann es helfen, sich mit einem möglichst realistischen Selbstanspruch, etwas Geduld und einem Schritt nach dem anderen an diese Herausforderungen heranwagen.

Vergleicheritis

Die Mutter der toxischen Selbstansprüche ist das konstante, fehlgeleitete Vergleichen der eigenen Skills, Leistungen und Erfolge mit denen anderer Artists. Grundsätzlich können wir zwischen zwei Arten von Vergleich unterscheiden. Positiv betrachtet kann ein objektiv zielgerichteter Vergleich mit ähnlichen Projekten zu Recherche- oder Lernzwecken sinnvoll und hilfreich sein. Zu recherchieren, welchen Social Media Content andere stilistisch ähnliche Künstler/innen generieren und was wir uns konkret davon abschauen können, um es auf das eigene Image und die eigene Social Media Arbeit zu übertragen, ist alles andere als verkehrt. Hier kann man sich Inspiration und Ideen für die eigene Arbeit holen.

Negativ beeinflusst uns, wenn wir uns jedoch Artists weit über der eigenen Kragenweite, aus völlig anderen Genres oder mit einem viel größeren Team anschauen und dabei einfach Zahlen wie Abonnenten, Likes, oder Streams vergleichen. Dann kommen wir schnell in einen Strudel der Selbstzweifel. Wir sollten uns niemals vollumfänglich mit anderen Artists vergleichen und uns anhand solcher Parameter selbst abwerten.

Dasselbe gilt auch für die künstlerische oder handwerkliche Qualität. Natürlich kann es inspirierend oder aufschlussreich sein, andere Artists bezüglich Sound, Performance oder Instrumentalspiel genauer zu betrachten, wenn wir daraus eine gehaltvolle Erkenntnis ziehen. Aber die dauerhafte Dekonstruktion der eigenen künstlerischen Qualität durch den Vergleich mit anderen Musiker/innen ist selten produktiv. Jede und jeder hat seinen/ihren eigen Stil, individuelle Stärken, Schwächen und unterschiedliche Startvoraussetzungen. Wir alle müssen unseren eigenen Weg finden und Stein für Stein unser Karriere-Gebäude zusammensetzen. Dafür ist ein gesundes Verhältnis zu uns selbst elementar, gerade weil Ausdauer und Beständigkeit schon immer wichtig waren im Musikgeschäft und für immer wichtig bleiben werden.

Niemals endende To-do-Listen

Wir kennen sie alle: To-do-Listen sind ein großartiges Werkzeug, um seinen Workflow zu strukturieren, zu vereinfachen oder einfach mal Platz im Kopf zu schaffen. Aber nicht selten stürzen wir uns von einer To-do-Liste in die nächste, ohne auch nur ansatzweise das Gefühl zu haben, vorangekommen zu sein. Oder wir schaffen es nicht, alle Punkte darauf abzuhaken, weil manche Prozesse länger dauern, als uns lieb ist. Ergebnis: Frustration, Unruhe, Selbstzweifel. Abhilfe schaffen kann eine Have-done-Liste. Das Prinzip ist wunderbar einfach: Stellt sich am Ende eines Tages, einer Woche, eines Monats oder eines Jahres das Gefühl ein, du hast die ganze Zeit gearbeitet, aber kaum etwas geschafft, schreib einfach eine Liste, mit all den Dingen, die du im betreffenden Zeitraum erledigt hast. Das mag auf den ersten Blick ein wenig profan erscheinen, kann aber echte Wunder bewirken. Der ständige – und ja leider manchmal auch notwendige – Selbstoptimierungsprozess selbstständiger Musiker/innen lässt uns den Fokus vor allem auf die Problemstellen unserer Tätigkeiten lenken und blendet nicht selten aus, auf wie viele Dinge wir eigentlich stolz sein können. Eine einfache Liste, die genau diese positiven Punkte bündelt, kann helfen, sich auch die Fortschritte bewusst zu machen und mit mehr Positivität und Selbstbewusstsein an die nächsten großen Aufgaben heranzutreten.

Also, hinterfragt mal euren Antrieb, prüft eure Selbstansprüche, ordnet eure Prozesse und schaut vielleicht etwas weniger nach rechts und links – es wird einen riesigen Unterschied machen. Und wenn ihr das Gefühl habt, eure mentalen Blockaden sitzen viel tiefer als ein paar Prozessoptimierungen und ein bisschen zu intensives Vergleichen, dann ist es alles andere als verwerflich, eine/n guten Freund/in, eine/n Kolleg/in oder sogar professionelle Hilfe zu Rate zu ziehen – egal ob rein geschäftlich in Form eines Coachings oder mental in Form einer Therapie. Die größte Stärke ist es, Schwäche zu zeigen. Niemandem ist geholfen, wenn wir uns an unserer Musikkarriere so sehr abarbeiten, dass sie irgendwann ein ungewolltes, abruptes Ende nimmt. Be kind to yourself, people!

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von Leon Kaack

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