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Musik selbst vermarkten: Smile And Burn

Was DIY bedeutet und wie man aus Misserfolgen Kraft schöpft

Smile And Burn sind eine Punk-Rock-Band aus Berlin, die mit ihrem neusten Werk „Besser sein als jetzt“ gerade ihr sechstes Album veröffentlich haben. Fest etabliert in der überschaubaren aber durchaus anspruchsvollen deutschen Punk-Szene haben die drei Berliner viel erlebt und dabei wahrscheinlich wie die meisten Musiker/innen mindestens genau so viele Fehler gemacht wie Triumphe gefeiert.

Auf Social Media, in Interviews und sogar in einem ihrer Musikvideos geht die Band offen mit ihren Fehlern um und brichst so ganz im Geiste des Punks mit dem Dogma der Selbstinszenierung von Musiker/innen. Diese Haltung sowie die Tatsache, dass sie trotz geschäftlichem Umfeld immer noch viele Kernbereiche der Bandarbeit selbst übernehmen, trifft den Grundgedanken unserer Reihe über DIY-Marketing so sehr mit dem Nagel auf den Kopf, dass wir uns mit ihnen unterhalten wollten – über Ambitionen, wirre Karrierewege, DIY-Philosophie, Promotion und wie man aus Misserfolgen Kraft schöpft.

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Alle Anti-Haltung ist schwer – Musikkarriere in Kinderschuhen

Smile And Burn starten wie viele junge Punkbands mit viel Bock, klarer (Anti-)Haltung und ohne großen Plan. Aber wie wird daraus ein etablierter Szene-Act? Mit Zeit, Durchhaltevermögen, Erfahrungen und einem zunehmend wachsenden Team, wie Philipp (Gitarre & Vocals) und Sören (Gitarre & Backing-Vocals) erzählen.

Mit welchem Gedanken seid ihr zu Beginn eurer Laufbahn gestartet? Was waren eure Träume, Ziele und Ambitionen als Band?

Philipp: Wir sind nicht mit einem Masterplan gestartet. Wir kamen alle aus der Punkszene mit autonomen Jugendzentren und besetzten Häusern. In dieser Szene war alles, was nach Kommerz gerochen hat, absolut tabu.

Sören: Vor allem in den Jahren bis zum ersten Album war unsere Haltung wirklich „Anti-alles“. Wir haben zwar jemanden gefunden, der die Platte rausbringt, aber das sollte wirklich alles so Indie sein wie möglich.

Wie hat sich euer Approach mit der Zeit verändert? Gibt es da konkrete „Turning Points“, die ihr benennen könnt?

Philipp: Beim zweiten Album haben wir damals sogar ein Angebot von einem Management abgelehnt, weil wir alles selbst in der Hand haben wollten. Das richtige Umdenken ging erst mit unserem dritten Album „Action, Action“ los, als wir angefangen haben, mit einem Produzenten und einem Management zusammenzuarbeiten. Aber es gab keinen konkreten Zeitpunkt, an dem plötzlich alles größer wurde und wir bewusst ein Team zusammengestellt haben, sondern da kamen einfach Leute auf uns zu, die Lust hatten das mit anzuschieben. Trotzdem hat sich das aber noch nach DIY angefühlt.

Sören: Ich kann mich daran erinnern, dass wir als Band schon beim zweiten Album sehr viel Anstrengung bei der Bandarbeit verspürt haben. Da war kein größerer Plan dahinter, das war eher so eine Art Stückwerk und wenn irgendein Ratschlag von außen kam, haben wir den in der Regel abgetan. Wir wollten einfach gar nicht nach den Regeln von diesem beschissenen Musikgeschäft spielen und dementsprechend hat’s auch nicht funktioniert.

Philipp: Es war auch einfach eine andere Zeit. Wir hatten kein Social Media, keine so einfachen Vertriebswege wie heute und nicht so verfügbare Recording-Technik. Da ist ja heute schon von Natur aus ein ganz anderes Tool- und Mindset vorhanden. Als uns das erste Mal jemand nach einem Jahresplan gefragt hat, wussten wir nicht, wie sowas für eine Band aussehen soll.

DIY or DIE – Arbeitsaufteilung in der Band

DIY ist gerade in der Punkwelt mehr als nur ein wichtiger Begriff, es ist fast schon eine Philosophie. Aber was bedeutet es heute überhaupt noch, DIY zu sein? Für Smile And Burn heißt es, Visionen zu haben, deren Umsetzung man selbst in die Hand nimmt und trotz professionellem Team selbstverantwortlich seine Probleme zu lösen, anstatt sofort den Manager anzurufen. Aber auch, sich nicht nur mit den eindrucksvollsten DIY-Erfolgsstories dieser Welt zu vergleichen, denn auch wenn es hart ist: Das ist nicht die Realität!

Philipp: Da wir viele Dinge selbst machen und auch können, haben wir irgendwann zum Beispiel selbst eine Form des öffentlichen Auftretens und eine Bildsprache gefunden, was Fluch und Segen ist. Es führt dazu, dass es schwer ist, Ideen von außen anzunehmen, weil wir so einen eigenen Geschmack in dieser Hinsicht haben. Wir konzeptionieren zum Beispiel unsere Videos selbst, ich schneide die Videos. Sören ist zuständig für Social Media und Management, unser Drummer Wolli kümmert sich um die Homepage und den Merch. Mehr als die Hälfte des gesamten Workloads übernehmen wir also selbst.

Sören: Da ist nach wie vor auch ein gewisses Mindset im Spiel.
Man neigt automatisch dazu, die Probleme selbst zu lösen, anstatt jemanden dafür zu buchen. Aber ich muss zugeben, dass ich mittlerweile echt auch ein bisschen ein Problem habe mit dem Begriff DIY. Alles ist so zugänglich und einfach geworden, dass der Begriff DIY an manchen Stellen ein bisschen ausgenudelt ist. Ich frage mich oft: Wer macht das denn nicht?! Als zum Beispiel in den 90ern NOFX entschieden haben, mit Fat Wreck ihr eigenes Label zu machen, ihre eigenen Platten rauszubringen und selbst Millionäre zu werden, weil sie nicht mehr von Universal abhängig sind, war das echt was Besonderes. Heutzutage kenne ich keine Band, die die Medien nicht selbst macht. Damit ist der Begriff DIY, der mal etwas besonderes war, in alle möglichen Richtungen zurechtgezerrt. Aber man muss sich, gerade beim Thema DIY auch mal vor Augen führen, dass das, was man sieht und liest, oft nur die Erfolgsstories sind. NOFX ist die ultimative DIY-Erfolgsstory im Punk. Aber wie viele Punkbands hat es gegeben, die zur gleichen Zeit dasselbe getan haben und einfach sang- und klanglos untergegangen sind, ohne dass man es mitbekommen hat? Bei uns ist das ähnlich, es kann halt auch schiefgehen! Da muss ich immer an die Dokumentation über Anvil denken, die eigentlich Heavy Metal mit erfunden haben, deren Sänger jetzt in einem Tiefkühlhaus arbeitet, obwohl die großen Metal-Ikonen sie bis heute alle als total wichtig, gut und kredibel bezeichnen. Und niemand weiß so richtig, warum das eigentlich so ist.

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Teamwork und Arbeitsmoral: Selbst anpacken und die richtigen Leute nach Hilfe fragen

Wie bei vielen etwas größeren Acts mit DIY-Wurzeln gibt es auch bei Smile And Burn eine sehr individuelle Teamaufstellung um die Musiker. Bereiche wie Booking, Promotion und Produktmanagement sind ausgelagert. Eine interessante Besonderheit: die Mitarbeit der deutschen Punk-Ikonen Donots aka Solitary Man Records, die als eine Mischung aus Öffentlichkeitsarbeit, Kredibilitäts-Boost und Beratungsstelle fungieren.Sören: Wir haben Chimperator Live als Booking-Agentur, die uns bitte niemals verlassen dürfen, weil das wirklich ein karrierekritischer Moment wäre! (lacht) Dann haben wir einen Labelservice namens Odyssey, die Produktmanagement machen und Uncle M für die Promotion. Zwei Mitglieder der Donots haben uns produziert und unterstützen uns mit ihrem eigenen Label Solitary Man, quasi eine Labelkooperation aus Odissey und Solitary Man. Solitary Man sorgen mit ihrem Logo auf der Platte sozusagen dafür, dass das Top-Notch-Punk-Rock-Qualität ist und hypen und verbreiten diese Veröffentlichung mit uns – was tatsächlich einen spürbaren Unterschied macht, das merkten wir schon nach der zweiten Single. Aber die klassische Labelarbeit bezüglich des Vertriebs der Musik erledigt Odissey. Dazu kommt, dass die Jungs von den Donots mit ihrer deutlich längeren Erfahrung auch immer guten Input geben können bezüglich Management und Promotion. Gerade Alex ist auch Bandmitglied und mit Managementarbeit betraut, sodass er gerade in dieser ja sehr fordernden Position gut versteht, worauf es ankommt und wo man Kräfte sparen kann.

Auch Punks haben ein Coporate Image

Bildsprache und Corporate Image sind für viele junge Musiker/innen ein schwieriges Thema. Smile And Burn haben nach sechs Alben einen Look gefunden, der Wiedererkennungswert und Scenecodes stimmig miteinander in Verbindung bringt. Sie setzen auf ungestellte analoge Fotos mit knalligem (oft roten) Blockfont, energetisch, aus der Hand gedrehte Performance-Videos und einen leicht rotzigen und lässigen Duktus in Postings und Werbetexten. Aber wie kommt man auf solche Kombinationen und wie geht das mit der CI eigentlich?

Screenshot SAB Insta

Philipp: Die Fotos machen wir natürlich nicht selbst, den Look an sich haben wir aber schon selbst in der Hand. Wir rennen sonst aber alle mit einer analogen Kamera herum, sodass sich ein großes Kontingent an analogen Fotos anhäuft. Da kommt dann unsere Schrift drauf und dann hat man sozusagen schon eine „CI“. Ist aber auch die Frage, wann sich das mal ändert, denn selbst wenn man da einen „Ton“ gefunden hat, ist das ja alles auch an die Musik gekoppelt, die sich auch auf jeden Fall weiterentwickeln kann.

Sören: Das krasse bei einer CI ist ja, dass man es immer erst merkt, wenn es keine gibt. Wenn bei Bands keine Idee dahinter steckt, wirkt es ganz schnell total schwammig und schwer greifbar.
Ist eure Bildsprache denn bewusst nach bestimmten Richtlinien und Referenzen konzeptioniert oder hat sich das eher mit der Zeit ergeben?

Sören: Man darf, glaube ich, eine Strategie nicht mit Gefühl und Lust verwechseln. Beim Cover zum letzten Album haben wir uns mit unseren Fotografen zusammengesetzt, uns durch deren Fotofundus geklickt und verschiedene Schrifte auf verschieden Bildern ausprobiert, bis wir etwas gefunden haben, was wirgut fanden. Wir haben uns einfach davon leiten lassen, was wir am meisten gefühlt haben. Das hat auch mit der Grundstimmung zu tun, mit der wir da reingegangen sind. Bei unserem Album „Action, Action“ zum Beispiel war der Approach, dass alles perfekt sein sollte. Alles musste sitzen, wir hatten eine Promoagentur, ein etwas größeres Label und wollten alles perfekt haben, was es dann aber, im Nachhinein betrachtet, genau nicht hat perfekt werden lassen. Beim neuen Album „Besser sein als jetzt“ ist es ganz anders. Wir wollten bewusst etwas ganz Leichtherziges machen – von den Songs, über das Artwork und bis zu den Musikvideos. Die Musik ist ziemlich traditioneller Punk und so ist zum Beispiel auch das Cover: ein schwarz-weiß Foto von Philipp im Moshpit.

Philipp: Das hat uns auch wahnsinnig gut getan. Nach Jahren von sehr viel denken hat sich diese Herangehensweise von „einfach machen“ total leicht und wie ganz viel Spaß und Spielerei angefühlt.

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Shit happens: Der offene (wohldosierte) Umgang mit Fehltritten

Im Musikvideo zu „Mit allem falsch“ erzählt die Band von Schritten und Aktionen in ihrer Karriere, die meistens die Intention der Reichweitensteigerung oder Selbstinszenierung hatten. Ein Kurzauftritt in Circus HalliGallis Musikschrank hat der Band zwar 300 verkaufte Tonträger und eine Vielzahl an Streams beschert, wie Sören erzählt. Aber im Video und in Interviews zeigen Smile And burn auch Fehltritte in ihrer Promo-Historie.


Philipp: Es ist interessant, wie man an Fehltritte rangeht – letztendlich will man ja Ergebnisse zeigen. Man zeigt den Hörer/innen  ein fertiges Album und nicht 50 beschissene Demos dazu. Dazu muss man all das filtern, auch wenn ich alles nahbare immer interessanter finde als das große, polierte Bild. Und das bringt DIY ja immer mit sich. Das Gefühl, dass es gar nicht so eine große Hürde ist, selbst auch einzusteigen. Da hilft es natürlich auch, einfach mal von den Fehlern und Fehlkalkulationen der Leute zu hören, die man idealisiert oder zu denen man aufschaut. Trotzdem muss man aufpassen, was man den Leuten so zumutet. Wir haben zum Beispiel bei einem Pressetextentwurf das Feedback bekommen, dass er sich zu negativ liest, weil wir darin sehr offen damit umgegangen sind, wie es bei uns gerade so läuft. Das kann natürlich auch zu viel werden irgendwann.

Sören: Wenn man schon ein großes Standing hat, wie Casper zum Beispiel, dann wirkt das natürlich ganz anders, als wenn wir das als kleine Band tun.

Es gab einige auf Promotion ausgelegte Aktionen in eurer Karriere, die ihr jetzt kritisch betrachtet. Was genau findet ihr im Nachhinein an solchen kalkulierten Aktionen wie künstliche Verknappung von Tickets und Merch auf Social Media oder sich im Fernsehen für ein paar Albumverkäufe zum Affen machen, als problematisch?

Philipp: Also an das Auto von Kraftklub zu pinkeln war keine Promoaktion – zumindest keine geplante (lacht)

Sören: Letztendlich hat man es halt gemacht und ist im Nachhinein immer schlauer. Zum Beispiel auf einer mit Werbebannern zugekleisterten Seitenbühne beim Hurricane zu spielen, war jetzt nicht die beste Erfahrung unserer Karriere, aber es gab nun mal Geld und das braucht man auch einfach – egal wie Punk man nun ist. Schämen tun wir uns jetzt auch nicht dafür, es war so, wie es war.
Philipp: Unsere Diskussionen innerhalb der Band drehen sich dann eben auch mal um die Wirtschaftlichkeit der Sache, das gehört halt dazu. Bei unserem Auftritt bei Circus HalliGalli, wo wir als Kuscheltiere verkleidet aus dem Schrank gesprungen sind, hatten wir vorher dieselbe Diskussion.

Sören: Es gab da riesige Aufmerksamkeit für total viele Punkbands, die sich direkt in Streams, Tonträgerverkäufen und Bekanntheit sehr bemerkbar gemacht hat. Aber das Format war halt: man springt aus dem Schrank und hat ein paar Sekunden Zeit mit Playback. Und weil wir keine Schauspieler sind und eben was draus machen wollten, haben wir uns überlegt, als Kuscheltiere verkleidet aus dem Schrank zu springen und uns prügeln, anstatt einfach Playback unsere Songs zu performen oder zu schauspielern. Manchmal merkt man dann eben erst im Nachhinein, dass die Idee vielleicht nicht ganz so geil war, wie man es sich vorher dachte.

Philipp: Man muss aufpassen, dass man nicht irgendwelche Dinge zu Promozwecken macht und dann währenddessen auf Anti tut. Das wirkt nicht. Jahre später schaut man sich dann dabei zu, wie man was will, aber sich nicht eingestehen will, dass man es will. Das macht es dannfür einen selbst im Nachhinein unangenehm.

Auch Punks müssen Promo machen – am besten mit neuen Social-Media-Features

Im letzten Feature mit der Band Kind Kaputt haben wir von erfolgreichen Tourproben-Livestreams gehört, die zu Ticketverkäufen führen – auch das haben Smile And Burn schon erfolgreich probiert, lange bevor Livestreams so angesagt waren, wie sie mittlerweile sind. Aber nicht nur die Live-Tourprobe oder Live-Musikvideos, sondern auch andere Promoaktionen über Social Media können die Berliner aus eigener Erfahrung weiterempfehlen – meist in Verbindung mit neuen Features auf den Plattformen und einer gesunden Mischung aus Machbarkeit, Ausdauer, Bauchgefühl und Kritikfähigkeit.Sören: Wir haben uns lange davor gesträubt, Platten zu signieren, weil wir dasaufgeblasen fanden. Aber letztes Jahr zu Weihnachten haben wir CDs und Drumfelle signiert oder bei dem angesprochenen Stream T-Shirts verlost – und das kam super an. Jetzt nach der Pandemie sind natürlich alle satt, was Livestreams angeht, damals war das ein neues Feature. Das Dankbare bei Social Media ist eben, dass die neueren Features technisch zu größerer Reichweite gepusht werden. Der wichtige Punkt bei Promoaktionen ist aber oft, sich die Frage zu stellen, ob man das durchziehen kann. Wir haben für ein paar Postings mal eine Stoffpuppe in die Kamera gehalten, die was erzählt, danach haben wir damit aber nicht weitergemacht. Wir haben auch mal kurz auf Twitch gestreamt, sind aber nicht dabeigeblieben. Unseren Podcast zum letzten Album haben wir durchgezogen und das hat schon viel mehr Sinn ergeben. Manchmal hängt esfast mehr davon ab, wie konsequent man bei einer Sache bleibt und sich dann darin entwickelt.

Philipp: Man kann viel auf sein Gefühl hören und so seine Erfahrungen machen, aber man sollte schon auch versuchen, hin und wieder mal auf die Leute zu hören, die aufgrund ihrer Erfahrungen etwas mehr wissen. Je mehr du darum kämpfen musst, dass Leute dich wahrnehmen, weil du noch nicht so etabliert bist, desto mehr möchtest du dir natürlich auch Mühe geben in allen anderen Belangen neben der Musik und desto mehr brauchst du diesen ganzen Kram eben. Deshalb ist es manchmal auch gar nicht so gut, um jeden Preis DIY zu sein, weil du Leute brauchst, die dir bei deinem nächsten Schritt helfen, wenn deine Musik nicht durch Glück plötzlich in aller Munde ist.

Klingt nach Punk, sieht aus wie Punk, Promo wie Punk

Die Promotion zu ihrem neuen zweiten deutschsprachigen Album „Besser sein als jetzt“ gehen Smile And Burn ähnlich an wie die darauf enthaltene Musik: leichtherzig, unverkopft und punkig. Das Credo ist nicht: Alles und noch mehr und am besten mehr als perfekt, sondern selektiv, konzeptionell passend und simpel – die Werbekampagne zum Album atmet denselben Spirit wie das Album. Keine riesigen Unkosten für physische Bemusterung oder Anzeigen in Printmedien, keine komplizierten Ad-Kampagnen. Es wird viel Wert auf smarte Musikvideos gelegt, bei diesem Album sogar zu jedem Song, dazu selektive Werbepartner aus der Punkszene, szenetypische Fan-Gimmicks und nicht zu vergessen der Rückenwind von den Donots aka Solitary Man Records.

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Sören: Promotion ist für kleine Bands sehr schwer, gerade im Bereich Punk. Was bedeutet denn da eigentlich Promo, was für Aktionen kann man überhaupt machen? Da gibt es vielleicht eine Promo-Aktion pro Jahr, die ein echter Hingucker ist. Milliarden zum Beispiel, die letztes Jahr mit einem Bus durch die Gegend gefahren sind, in dem „Kleinsten Club der Welt“ und dann immer für so eine oder zwei Personen Konzerte in dem Bus gespielt haben. Das ist natürlich in der Pandemie eine wahnsinnig gute Promo-Aktion. Es ist nicht peinlich, smart gedacht, trifft auf die aktuellen Verhältnisse, die Leute können trotzdem ihre Lieblingsband sehen und es hat was mit Musik zu tun.

Bei uns ist es so, dass wir immer sehr viel Wert auf Musikvideos legen. Wir wollen mit unserem kleinen Budget etwas Smartes machen. Für diese Platte haben wir für jeden Song auf dem Album ein Musikvideo gemacht, sind in eine Halle gefahren und haben einen Punk-Performance-Musikfilm gedreht, alles immer als One Take und als First Take.

Ansonsten haben wir uns bei dieser Platte das erste Mal bewusst für das Standard Punk-Rock-Paket entschieden, es ist ja auch eine rohe Punk-Rock-Platte. Beim Cover haben wir uns für ein sehr punkiges und old-schooliges Motiv und Design entschieden und bei der Promo haben wir uns entschlossen alles Standard Punk-mäßig zu machen. Ein paar Platten an Kein Bock auf Nazis geschickt, Schallplatten mit Siebdruckcover – weil das halt das ist, was Punker gerne mögen. Jetzt spielen wir noch Support vor ZSK, was da auch perfekt reinpasst. Print ist gar kein Thema für uns, weil es quasi unmöglich ist, ohne bezahlte Anzeigen an Covers oder große Features zu kommen. Wenn’s irgendwo Sinn macht oder wir Geld übrig haben, bewerben wir online unsere Musikvideos. Das Video zur ersten Single hat ganz gut Anklang gefunden, das haben wir zum Anlass genommen, da noch mal etwas Geld reinzustecken. Aber abgesehen davon ist es wirklich auf das ganz Wesentliche reduziert und das ist durchaus so gewollt.

Aber klassische Bemusterung der Blogs und Magazine macht ihr schon, oder?

Sören: Ja, das schon, das macht unsere Promo-Agentur Uncle M für uns. Allerdings lassen sich ja manche auch nicht digital bemustern, sondern wollen eine Schallplatte haben, wir wollen die Schallplatten aber eigentlich alle verkaufen. Vielleicht machen wir da noch mal ein paar Exemplare locker, aber nicht viele, weil wir eben auch eine sehr limitierte Auflage haben.

Aufhören ist keine Option

Smile And Burn sind ehrlich, realistisch und kritisch mit dem Musikgeschäft und all seinen Facetten – und lassen sich trotzdem nicht davon entmutigen. Wie schafft man es, so knallhart ehrlich zu sich selbst und dem Business zu sein, ohne dabei den Mut zu verlieren, weiter in diesen Strukturen zu arbeiten?Sören: Der Tag des Aufgebens kommt ja nie für Künstler/innen, man istimmer auf Applaus angewiesen. Ich glaube, dass es keinen Sinn macht, es nicht bei jeder Platte noch mal wissen zu wollen. Ich möchte das ehrlich gesagt auch gar nicht anders haben, da gehe ich lieber durch die Promotion-Quälerei durch, in der Hoffnung, dass es irgendwann einfacher wird. Aber ansonsten mache ich das jeden Tag gerne wieder, am Ende hat man dann doch seinen Traumberuf dabei.

Philipp: Die Benefits überwiegen. Eine Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität ist das auch nicht, weil wir uns ja nicht verbiegen müssen. Es schreibt uns keiner irgendetwas vor, wir haben alles in der eigenen Hand und die totale Freiheit in allem. Und wie Sören gerade gesagt hat: Man möchte natürlich auch den Applaus, den Austausch und das Feedback, das ist total wichtig. Natürlich geht man ein Risiko ein, in seiner Verletzlichkeit bewertet zu werden, aber das gehört dazu und deswegen glaube ich, der Tag, an dem wir keinen Bock mehr haben, kommt eh nicht.

Sören: Diese Band gibt es seit 14 Jahren und ist damit die Sache, die ich am längsten mache von allen Dingen in meinem Leben. Länger als die Schule, das Studium oder meine Zeit in dieser Wohnung, in der ich gerade sitze. Dementsprechend fühlt sich das auch an, wenn mich jemand fragt, ob oder wann ich damit aufhöre. Ich mache das doch jetzt schon 14 Jahre, warum sollte ich denn jetzt damit aufhören?!

Philipp: Es basiert ja nicht alles auf Wohlwollen. Wenn die ganze Musiklandschaft aus Leuten bestehen würde, die umsonst für andere Musiker arbeiten oder Promo machen. Am Ende ist es egal, wie DIY es ist, es kann immer der Punkt kommen, wo Leute eben Geld verdienen müssen, wenn sie mit dir zusammenarbeiten, weil das nun mal ihr Job ist. Es ist eine völlige Utopie, dass es anders als mit viel Arbeit und vielleicht Frust verbunden ist und man entscheiden könnte, erst dann wieder Musik zu machen, wenn es anders ist. Dann schießt du dir ins eigene Bein und bist quasi der musikalische Aussteiger, der alles nur für sich selbst macht und es keinem zeigt. Wenn man damit glücklich ist, ist das natürlich super, aber die Erwartung ist ja meistens einfach da, dass mehr als das passiert.

Sören: Es hat ja auch noch nie anders funktioniert. Selbst da Vinci konnte nur Kunst machen, weil er nebenbei auch Waffen für den König gebaut hat. Es war schon immer ein abgefucktes Business!. Sowieso witzig, dass es in der gesamten Kunstgeschichte – okay, ich habe keine Kunst studiert, aber ich lehne mich einfach mal aus dem Fenster – nur ein Jahrzehnt gibt, nämlich die 1990er, in dem alles von alleine funktioniert hat und die Millionen geströmt sind – und jetzt denken alle, das sei der Normalzustand.
Es ist ein hartes Game als Newcomer. Smile And Burn zeigen uns: Ja, es ist hart, das Geschäft nervt, man verkalkuliert sich und macht Fehler. Aber das ist okay, das ist echt und es gehört dazu. Dranbleiben, kreativ bleiben und härter arbeiten, als man mit sich selbst ins Gericht geht, ist das Motto, von dem sich eine Scheibe abzuschneiden sicher nicht ungesund für uns DIY-Krieger/innen ist.

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von Leon Kaack

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