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Alles gelogen? Die größten Gear-Mythen der Rockgeschichte

Denkt man an den Sound berühmter Gitarristen, entstehen unwillkürlich ziemlich konkrete Bilder im Kopf: Jimmy Page mit seiner Les Paul vor einem Marshall-Turm, David Gilmour mit der schwarzen Stratocaster oder Kurt Cobain mit Fender Jaguar und grungigem Minimalismus. Doch solche Assoziationen können trügen, denn das Equipment, mit dem Musiker auf der Bühne berühmt wurden, muss noch lange nicht auf ihren bekanntesten Studioaufnahmen zu hören sein. Gerade um ikonische Gitarrensounds ranken sich seit Jahrzehnten Legenden, die nur zur Hälfte stimmen: Da entpuppt sich der vermeintliche Marshall-Turm plötzlich als kleiner Combo, und manchmal sucht man einen Gitarrenverstärker sogar vergeblich. Wir haben fünf berühmte Gear-Mythen unter die Lupe genommen und zeigen, welches Equipment bei den Aufnahmen tatsächlich zum Einsatz kam.

Die größten Gear-Mythen der Rockgeschichte
Credits: Shutterstock / photo_Joe82

Led Zeppelin – „Stairway to Heaven“: Telecaster und Supro statt Les Paul und Marshall

Jimmy Page und die Gibson Les Paul gehören für viele Rockfans untrennbar zusammen. Dazu gesellen sich standesgemäß ein paar Marshall-Stacks, die spätestens ab den frühen 1970er-Jahren zum festen Led-Zeppelin-Bühnenbild zählten. Da liegt die Vermutung nahe, dass auch das berühmte Solo von „Stairway to Heaven“ mit einer Les Paul über einen Marshall aufgenommen wurde. Doch mitnichten: Page nutzte hier seine alte Fender Telecaster, die er ursprünglich von Jeff Beck bekommen und bereits während seiner Zeit bei den Yardbirds sowie auf dem ersten Led-Zeppelin-Album eingesetzt hatte. Deren bissigen, direkten Sound schätzte er offenbar so sehr, dass die Les Paul für diesen Moment im Koffer bleiben durfte. 

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Fender Jimmy Page Telecaster RW NAT
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Auch beim Amp ging Page andere Wege: Statt eines Marshall-Turms ist hier ein kleiner Supro Combo zu hören, der bereits auf den frühen Led-Zeppelin-Aufnahmen eine wichtige Rolle gespielt hatte. Die Kombination aus Les Paul und Marshall wurde zwar zu Pages Markenzeichen, einige seiner berühmtesten Sounds entstanden jedoch mit deutlich kleinerem und teilweise völlig anderem Equipment. 

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Pink Floyd – „Another Brick in the Wall Part 2“: Les Paul statt Stratocaster

Wer würde bei David Gilmour nicht sofort an eine Fender Stratocaster denken? Insbesondere seine Black Strat wurde zu einer der ikonischsten Gitarren der Rockgeschichte und drückte zahlreichen Pink-Floyd-Aufnahmen ihren Stempel auf. Auch das Solo von „Another Brick in the Wall Part 2“ klingt mit seinem glasklaren Attack und dem leicht nasalen Ton geradezu wie ein Paradebeispiel für einen Strat-Hals-Single-Coil. Nur wurde es gar nicht mit einer Strat aufgenommen. Gilmour verwendete hier eine Gibson Les Paul Goldtop aus den 1950er-Jahren mit P-90-Pickups – also ziemlich genau das Instrument, auf das man bei diesem Sound nicht unbedingt zuerst tippen würde. 

Auch der Signalweg war alles andere als alltäglich: Die Paula wurde zunächst direkt ins Mischpult gespielt. Erst anschließend schickte man das Signal erneut durch einen Gitarrenverstärker und mischte diesen Anteil hinzu. Gilmour beschrieb die ursprüngliche Aufnahme ausdrücklich als direkt eingespielt – der nachträglich hinzugefügte Amp sollte dem Sound lediglich etwas mehr Fülle verleihen. Das ist schon kurios: Einer der bekanntesten Gilmour-Sounds entstand ausgerechnet mit einer Gitarre, die man kaum mit ihm verbindet. Manchmal ist eben auch eine Les Paul eine gute Strat.

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Ritchie Blackmore – erst Gibson und Vox, dann Strat und Marshall

Auch bei Ritchie Blackmore ist das öffentliche Bild ziemlich eindeutig: Fender Stratocaster und ein paar mächtige Marshall-Major-Türme! Und grundsätzlich stimmt das auch, denn spätestens in den frühen 1970er-Jahren wurde diese Kombination zu seinem Markenzeichen. Zu Beginn seiner Deep-Purple-Zeit sah das allerdings noch anders aus. Blackmore spielte zunächst eine Gibson ES-335 und nutzte unter anderem einen Vox AC30. Auch „Child in Time“ wurde mit seiner ES-335 eingespielt, wobei der verwendete Verstärker für die Studioaufnahme weniger eindeutig dokumentiert ist. 

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Gibson ES-335 Dot 60s Cherry
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Ab etwa 1970 setzte sich zunehmend die Fender Stratocaster durch, während auch Blackmores immer stärker modifizierte Marshall-Amps in den Vordergrund rückten. Doch selbst bei den „Machine Head“-Sessions war der Vox offenbar noch nicht völlig aus dem Rennen: Ian Gillan erinnerte sich, dass Blackmore bei der ursprünglichen „Smoke on the Water“-Jam seine Strat über einen Vox AC30 und/oder einen Marshall spielte. Welcher Amp letztlich welchen Anteil am berühmten Riff hatte, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Ganz ausgeschlossen ist also nicht, dass zwischen all den Marshall-Türmen auch ein unscheinbarer 30-Watt-Combo ein Wörtchen mitzureden hatte.

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Nirvana – „Nevermind“: Viel mehr als Mesa/Boogie und Boss DS-1

Kurt Cobains Sound gilt gemeinhin als denkbar simpel: Fender Jaguar, Boss DS-1, Mesa/Boogie – fertig ist der Grunge-Sound. Und ganz falsch ist dieses Bild nicht, denn live war Cobains Rig tatsächlich vergleichsweise überschaubar. Auf „Nevermind“ fuhr Produzent Butch Vig jedoch deutlich schwereres Geschütz auf, als es die raue Grunge-Attitüde zunächst vermuten lässt. Cobain brachte seinen Mesa/Boogie Studio-Preamp mit zu den Aufnahmen in den Sound City Studios, doch Vig ergänzte das Setup um mehrere weitere Verstärker, darunter einen Fender Bassman und einen Vox AC30. 

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Fender Kurt Cobain Jaguar
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Auch bei den Effekten war mehr im Spiel als nur das berühmte Boss DS-1. Zum Einsatz kamen unter anderem eine ProCo RAT, ein Electro-Harmonix Big Muff sowie der Small Clone Chorus. Bei einigen Songs experimentierte Vig zudem mit direkt ins Mischpult gespielten Gitarren und stark übersteuerten Pult-Preamps. Der mächtige Gitarrensound von „Nevermind“ entstand also deutlich weniger aus einem minimalistischen Cobain-Rig als aus einer durchdachten Mischung verschiedener Amps, Pedale, Overdubs und Studiotricks. Rauer, punkiger Grunge war zwar die Attitüde – beim Gitarrensound durfte es dann aber doch ein bisschen Luxus sein.

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Jimi Hendrix – „All Along the Watchtower“: Vox statt Marshall

Kaum ein Gitarrist wird so stark mit der Kombination aus Fender Stratocaster und Marshall-Stack verbunden wie Jimi Hendrix. Zumindest auf der Bühne war dieses Setup auch tatsächlich prägend. Im Studio zeigte sich Hendrix allerdings deutlich experimentierfreudiger und griff auf eine breite Palette an Gitarren, Effekten und Verstärkern zurück – von Fender bis Vox. Ein klassisches Beispiel dafür ist das Bob-Dylan-Cover „All Along the Watchtower“. Der Grundtrack entstand zunächst mit Hendrix auf einer sechssaitigen und Dave Mason auf einer zwölfsaitigen Akustikgitarre. Die elektrischen Gitarren kamen erst später per Overdub hinzu.

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Vox AC30 Handwired
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Engineer Phil Brown erinnerte sich, dass dafür ein Vox AC30 im Studio aufgestellt und mit mehreren Mikrofonen abgenommen wurde, darunter Neumann U67 und ein AKG C12A. Anschließend wurde ausgiebig mit Pultverzerrung, Fuzz und Wah-Wah, Leslie, Phasing, Pultec-Filtering, Echos und Rückwärtseffekten experimentiert. Ausgerechnet bei einer seiner bekanntesten Studioaufnahmen wurden die elektrischen Gitarren-Overdubs über einen Vox AC30 aufgenommen. Der Marshall durfte unterdessen offenbar auf Standby bleiben.

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Was wir aus den Gear-Mythen lernen können

Die Beispiele zeigen vor allem eines: Bei berühmten Gitarrensounds ist das öffentlich sichtbare Equipment eines Musikers hin und wieder irreführend. Jimmy Page ließ für „Stairway to Heaven“ Les Paul und Marshall links liegen, David Gilmour griff zur Les Paul statt zur Strat, Ritchie Blackmore war lange nicht nur mit Strat und Marshall unterwegs, Kurt Cobains vermeintlicher Minimalismus wurde auf „Nevermind“ im Studio ordentlich aufgeblasen und selbst bei Hendrix durfte der Marshall zwischendurch in die Mittagspause. Gerade im Studio sind viele Künstler deutlich weniger festgelegt, als es das Bühnenbild vermuten lässt: Produzenten reden ein Wörtchen mit, riesige Stacks weichen plötzlich kleinen Combos, untypische Gitarren werden zur Geheimwaffe und selbst das Mischpult entpuppt sich als eigenständiges Effektgerät. Wer den Sound seiner Helden nachbauen möchte, sollte sich also nicht allzu sehr von Live-Fotos täuschen lassen. Manchmal steckt hinter der Marshall-Wand eben ein kleiner Combo – und hinter der Strat plötzlich eine Les Paul. 

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