Wenn du einen Film über die goldenen Zeiten der Musikproduktion siehst oder Studiofotos aus den 60ern oder 70ern, dann schmauchen dort fast alle Personen Zigaretten; Bierflaschen und Kaffeetassen sind ebenfalls allgegenwärtig. Heutzutage ist es in manchen Studios so, dass die Augen des Engineers vor Panik größer werden als die von den Simpsons-Charaktern, sobald sich auch nur eine Flasche Wasser der Studiotür nähert. Ist das die Art von Studio, in denen man sogar die Schuhe ausziehen muss?

Flüssigkeit und Elektronik sind sich spinnefeind!
Ich habe schon Phantomschmerzen durchlebt beim Anblick einer Bierflasche auf dem Rack mit den Röhrenkompressoren oder der Kaffeetasse auf der Mastersektion einer Neve-Konsole. Und das, obwohl es nur Bilder waren! Es kann was von Heimeligkeit haben, beim Kaffee im Recording Entscheidungen zu treffen, es kann so richtig toll Rock’n’Roll sein, den Mix mit Bier, Whisky oder Schampus zu begleiten – als Gearhead bekomme ich immer Angst. Ich habe selbst zwar bislang „nur“ diverse Getränke in Laptops kippen sehen, doch da war schon der Ärger groß!
Getränk ist nicht gleich Getränk
Es ist klar: Flüssigkeiten können Geräte beschädigen, durch Kurzschlüsse oder Korrosion. Auch Bodenbeläge, Sitzmöbel und dergleichen können leiden. Unter allen Getränken ist Wasser jenes, das die wenigsten Probleme verursacht, sobald Säuren, Gerbstoffe oder Milch im Spiel ist, wird es unangenehmer.

Das Gerücht ist aufgekommen, dass man Elektronik-Platinen nass waschen kann. Stromlos natürlich und mit ausreichender Trocknung. Aber stimmt das?
Tabakschmock in allen Geräten?
Kleines Beispiel: Meine Bandmaschine ist von 1967, sie stand fast ein Vierteljahrhundert in Jamaica. Muss ich mehr sagen? Auf jeden Fall so viel: Sie ist stärker vergilbt als ein Werbeprospekt aus der Zeit.
Das ist alles andere als nur Patina: Vor allem Teer setzt sich auf den Platinen und Oberflächen ab. Das kann die Korrosion verstärken. Und dadurch, dass die klebrige Masse Staub bindet, können sich Lüftungsschlitze zusetzen, was Überhitzung befördert und die Brandgefahr erhöht!

Geruchsbelästigung und Gelbfilter
Eingezogener Rauchgeruch in Teppichen, an Wänden, auf Sofas? Nicht so lecker, vor allem für Nichtraucher. Außerdem ist es für viele menschen (und darunter auch Raucher) nicht unbedingt ansprechend, wenn alles von einer klebrigen, gelben Schicht überzugen ist.

Die 21 bekanntesten Tonstudios der Welt – dies sind sie!
Der Einzelne, die Gesellschaft und das Gesetz
Alkohol und Zigaretten sind schlecht für die Gesundheit. Aber das Leben muss ja Spaß machen. Das sind zwei gegensätzliche Aussagen, bringen aber nicht nur den Konflikt auf den Punkt, den viele Menschen mit sich selbt führen, sondern auch den einer Gesellschaft. Es ist so gelöst, dass sich der Gesetzgeber einschaltet, zum Beispiel, um Passivrauchen zu vermeiden.
Passivrauchen und Arbeitsschutz
Passivrauchen erhöht nachgewiesenermaßen das Risiko für Atemwegserkrankungen (darunter: Lungenkrebs) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Nichtrauchern. Und zu versuchen, das Laster einzustellen, ist schwieriger, wenn um einen herum fröhlich gepafft wird. Seit bald zwanzig Jahren gilt in Deutschland ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten, Arbeitsplätzen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Ausnahmen gibt es nur wenige. „Arbeitsplatz“ ist dabei der Kernbegriff: In einem kommerziellen Studio ist Rauchen per Gesetz verboten. Punkt.
„Alkohol ist ja mehr so Tradition, keine Droge.“
Beim Alkohol als gesellschaftlich geduldeter Droge sieht das etwas anders aus. Zwar sind auch hier die der Gesellschaft entstehenden Gesamtschäden enorm, doch ist hier der Umgang noch äußerst lax, vor allem in Deutschland, gemessen am EU-Durchschnitt. Wer zum Beispiel einen trockenen Alkoholiker kennt, der weiß, wie schwierig die Teilnahme an ganz normalen gesellschaftlichen Events sein kann. Gleichzeitig: Was wäre Wacken ohne Bier-Pipeline?

Andere Drogen machen weniger Probleme
Das soll jetzt keine Aufforderung sein, im Gegenteil. Aber viele Stuido und Engineers sind „fine“ damit, wenn man nichts merkt, nichts stinkt oder umkippen kann (außer eben der Konsument). Das wäre aber jetzt schon eher ein Thema für einen anderen Artikel zu einem Thema, das sicher schon eingehender diskutiert wurde. Kreativität und so. Oder wie John Spaceman (Spaceman3, Spiritualized) mal treffend über seine Musik und seinen Drogenkonsum sagte: „Taking drugs to make music to take drugs to.“
Wird gerne vergessen: die Versicherung!
Sind Schäden durch Getränke oder Zigaretten von einer Versicherung abgedeckt? Oft nicht, besonders bei kommerziellen Studios. Aber auch eine Haftpflicht wird dir schnell was pfeifen, wenn du irgendwelche Regeln verletzt hast oder jemandem Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann. Versicherungen sollen ganz gut darin sein, da etwas zu finden…

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wer bei Recording, Editing und besonders Mixing "dabei" sein darf.
Was tun?
Generell
Es ist sicher nicht verkehrt, sich nach dem schwächsten in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft zu richten, wenn man sich als zivilisiert bezeichnen will. Kindern, Schwangeren, Kranken, ehemals Suchtkranken und sonstigen vulnerablen Gruppen in eine vermeidbar negative Situation zu versetzen, ist zumindest weder nett noch empathisch noch sozial. Vor allem hängt das Seelenheil des Einzelnen nur selten davon ab, ob er vor die Tür gehen sollte zum Rauchen. „Dann bleib halt zuhause!“ ist wahrscheinlich nicht die richtige Antwort, denn jeder von uns profitiert schließlich von der Rücksichtnahme anderer und davon, dass Regeln befolgt werden.
Rauchen
Ein ausgewiesener Raucherraum ist sicher etwas anderes, als wenn in Regie oder Aufnahme geraucht wird – denn dort muss man sich im Studio meist aufhalten. Aber es gibt auch Regeln, die das verbieten. Allerdings sollte man vielleicht nicht unbedingt bestrafen, ein wettergeschützter Bereich zum Rauchen mit etwas „Infrastruktur“ (Aschenbecher, Sitzmöglichkeit, Beleuchtung) ist sicher nicht verkehrt. Wenn privat geraucht werden soll, kann man statt in ein weiteres 19“-Gerät auch in Belüftung oder einen Luftreiniger investieren. Alternativen zum Rauchen bereitstellen? Davon halte ich persönlich nicht viel, vor allem, wenn man ein Problem (Nikotin) mit einem anderen (Zucker, Lebensmittelchemie) ersetzt.

Dem Musikstudio haftet immer noch etwas Mystisches an. Wie ist so ein Ort eigentlich aufgebaut und was ist darin zu finden? Wir erklären es!
Getränke
Klare Regeln helfen. Zum Beispiel Stufenmodelle: „Im Aufnahmeraum nur Wasser in verschließbaren Gefäßen erlaubt. Alkohol nur in Maßen und nur im Aufenthaltsraum.“ Für andere Räume, zum Beispiel die Regie, helfen Tische in Bodennähe, fernab von der Technik. Kaum jemand ist so gedankenlos, seine Kaffeetasse von einem Couchtisch zu nehmen und auf ein Rack oder zwischen die Fader zu stellen. Wenn man schon bei der Begrüßung mitteilt, was wo erlaubt ist, läuft man sicher gut.
Manchmal eine Sache des Kontexts
Mittags Bier in einem Synchronstudio (außerhalb Bayerns…) zu trinken ist sicher etwas anderes, als wenn der Toningenieur wütend der ganzen Punkband Hausverbot erteilt, weil der Sänger sich um 21 Uhr im Aufenthaltsraum des Studios eine Büchse aufmacht. Es kommt also immer auf Kontext und Situation an.
Bei dir so?
Wie hätlst du es mit Getränken und Rauch, vor allem im privaten Studio? Und: Wie siehst du die Situation mit Vapes etc.?
























