Der gute alte Quintenzirkel – hat er euch auch in der Schule die Schweißperlen auf die Stirn getrieben? Nicht wenige stellten sich damals die Frage: „Wozu brauche ich diesen Mist eigentlich?“ Das Problem: Dieses Thema wird leider nicht selten hoch theoretisch und viel zu umständlich erklärt. In diesem Workshop soll es daher darum gehen, den Quintenzirkel von der Theorie in die Praxis zu übertragen – also auf das Griffbrett unseres Basses! Kann uns der Quintenzirkel unsere tägliche Bass-Arbeit erleichtern? Finden wir es heraus und überwinden wir alte Traumata aus der Schulzeit. So viel sei jetzt schon verraten: Es lohnt sich!
Der Quintenzirkel – Name und Definition
Woher hat der Quintenzirkel eigentlich seinen Namen? Warum heißt er nicht „Terzzirkel“ oder „Quartzirkel“? Ganz einfach: Tonarten im Abstand einer Quinte (z. B. Von C nach G) sind maximal miteinander verwandt – sie unterscheiden sich nur in einem einzigen Ton. Deutlich wird dies, wenn man beide Tonarten vom gleichen Startpunkt nebeneinander stellt. Bleiben wir bei dem Beispiel C-Dur und G-Dur:
- C-Dur: C – D – E – F – G – A – B
- G-Dur: C – D – E – F# – G – A – B
Der einzige Unterschied zwischen C-Dur und G-Dur ist also der Ton F# statt F. Im Umkehrschluss bedeutet dies ebenfalls, dass, wenn man sich um eine Quinte bewegt, jeweils ein Vorzeichen hinzukommt. Aus diesem Grund lassen sich die in der Anzahl zunehmenden Vorzeichen am besten in einem Kreis bzw. Zirkel aus Quinten darstellen.
Welche Informationen bietet der Quintenzirkel?
Vielleicht erinnert ihr euch: Ganz oben in der Mitte des Quintenzirkels steht die Tonart C-Dur, die aus den sogenannten Stammtönen besteht. Darunter versteht man Töne, die ohne Vorzeichen auskommen. Im Einzelnen sind dies A, B (deutsch H), C, D, E, F und G. Alle anderen Töne benötigen Vorzeichen, um zu existieren, und jede andere Tonart mit Ausnahme von C-Dur besitzt eines oder sogar mehrere davon.
Welche Tonart nun wie viele und welche Vorzeichen, verrät uns der Quintenzirkel. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass er uns sagt, wie die Töne der einzelnen Tonarten heißen. Es stecken also tatsächlich jede Menge Informationen im Quintenzirkel. Und so sieht er aus – Vorhang auf für den Quintenzirkel!
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Der Quintenzirkel – #-Seite
Betrachten wir beide Hälften des Quintenzirkels einmal getrennt voneinander und beginnen mit der rechten, auf der sich die Tonarten mit #-Vorzeichen befinden. Diese funktioniert mit einer ganz einfachen Formel: Eine Stufe weiter (= eine Quinte höher) kommt jeweils ein neues #-Vorzeichen hinzu. Dieses ist der Leitton zum Grundton der neuen Tonart.
Was jetzt noch etwas theoretisch klingt, wird anhand eines Beispiels schnell klarer: Gehen wir von C-Dur (= 0 Vorzeichen) eine Quinte (eine Saite und zwei Bünde auf unserem Griffbrett) weiter zu G-Dur, hat diese Tonart nun ein #-Vorzeichen. Der Ton, welcher dieses Vorzeichen bekommt, ist einfach ein Schritt zurück im Alphabet. Vor G kommt bekanntlich F, mit einem # heißt es nun F# (Fis). Auf unserem Griffbrett liegt dies einen Halbton beziehungsweise einen Bund tiefer als der Grundton der neuen Tonart.
Die Formel zur Decodierung des Quintenzirkels (#-Tonarten) für unser Griffbrett lautet daher: Eine Saite und zwei Bünde höher befindet sich die neue Tonart, einen Bund tiefer davon das neue Vorzeichen (bzw. der Ton, welcher das Vorzeichen bekommt).
Auf diesem Foto kann man die Formel auch optisch gut nachvollziehen.
Letztendlich reicht es für die Praxis, dass wir uns dieses Griffbild merken. Ein wichtiger allgemeiner Hinweis: Den gleichen Ton wie eine Quinte tiefer findest du auch eine Quarte höher. Natürlich gilt dies auch umgekehrt, der gleiche Ton wie eine Quinte tiefer findest du eine Quarte tiefer. Dies liegt daran, dass Quarte und Quinte sogenannte Komplementärintervalle sind, d. h. sie ergänzen sich gegenseitig zu einer Oktave.
Auf diesem Bild ist das gut zu erkennen.
Die Griffbilder ersetzen wunderbar die komischen Merksprüche, die man immer wieder im Zusammenhang mit dem Quintenzirkel hört. Für unseren Alltag ist diese Methode deutlich hilfreicher.
Bereits vorhandene Vorzeichen werden in die nächste Tonart mitgenommen. Gehen wir zum Beispiel von G einen Schritt weiter zu D, so bleibt das F# erhalten. Neu hinzu kommt das C# (ein Schritt zurück im Alphabet, beziehungsweise ein Bund tiefer auf dem Griffbrett). Folglich hat die Tonart D-Dur also F# und C# als Vorzeichen.
Der Quintenzirkel – b-Seite
Die linke Seite des Quintenzirkels ist für die Tonarten mit b-Vorzeichen zuständig. Im Gegensatz zur rechten Seite gehen wir hier stets eine Quinte tiefer zur neuen Tonart. Von unserer „neutralen“ Ausgangsbasis C befindet sich eine Quinte tiefer die Tonart F. Sie bekommt jetzt also ein b-Vorzeichen. Der betreffende Ton ist das B, welches nun zum Bb wird.
Auch hier legen wir uns eine einfache Formel für das Griffbrett zurecht: Die neue Tonart findet sich eine Saite und zwei Bünde tiefer. Der Ton mit dem neuen Vorzeichen liegt dann im gleichen Bund eine Saite höher als der Grundton der neuen Tonart.
Dieses Foto macht das Ganze noch einmal klarer.
Auch hier reicht es, dass wir uns dieses Griffbild einprägen, um die rechte Seite des Quintenzirkels zu entschlüsseln. Und natürlich gilt auch hier das komplementäre Verhältnis von Quinten und Quarten. So sieht der Weg eine Quarte höher aus, bei dem Grundton, neue Tonart und das neue Vorzeichen alle im gleichen Bund liegen:
Auch für die Seite mit b-Vorzeichen gilt, dass diese in die neue Tonart mitgenommen werden. Gehen wir also vom F eine Quinte tiefer zum Bb, so kommt als Vorzeichen das Eb hinzu. Bb-Dur hat also Bb und Eb als Vorzeichen. Und so weiter und so weiter.
Der Quintenzirkel – parallele Moll-Tonarten
Bisher haben wir ausschließlich von Dur gesprochen, aber was ist mit Moll? Nun, jede Dur-Tonart hat eine parallele Moll-Tonart. Sie enthält die gleichen Töne (= die gleichen Vorzeichen) wie die Dur-Tonart. Ihr Grundton und tonales Zentrum ist aber die sechste Stufe der Dur-Tonleiter.
Nehmen wir als Beispiel wieder die C-Dur Tonleiter, ihre Töne lauten: C – D – E – F – G – A – B. Die sechste Stufe bzw. der sechste Ton ist A. Beginne ich jetzt mit diesem, kommt mit A-Moll die parallele Moll-Tonart von C-Dur heraus. Die neue Reihenfolge lautet: A – B – C – D – E – F – G
Auf dem Griffbrett findet man den Grundton der parallelen Moll-Tonart am schnellsten eine kleine Terz (drei Halbtöne) tiefer als den Grundton der Dur-Tonart, siehe Foto. Und bin ich mir über das Verhältnis von Dur-Tonarten und ihre parallelen Moll-Tonarten bewusst, so brauche ich auch nicht extra einen eigenen Quintenzirkel für Moll zu lernen.
Enharmonische Verwechslung
Ein altes Sprichwort sagt: „Alles im Leben hat zwei Seiten!“ Es ist aber ebenfalls die sehr komprimierte Definition von Enharmonischer Verwechslung. Gemeint ist, dass jeder Ton von zwei Seiten betrachtet werden kann.
Wir wollen ja eine praxisorientierte Lösung, daher schauen wir auf das Griffbrett und starten beim dritten Bund auf der A-Seite. Hier befindet sich der Ton C. Gehe ich einen Halbton höher in den vierten Bund, lande ich auf dem C# (C plus #-Vorzeichen). Starte ich aber im fünften Bund auf dem Ton D und gehe ein Halbton tiefer in den vierten, so nennt man den Ton nun nicht mehr C#, sondern Db (D mit b-Vorzeichen). Zwei unterschiedliche Namen, aber gleicher Bund und gleiche Tonhöhe.
Übrigens: Früher waren dies tatsächlich zwei unterschiedliche Tonhöhen, was sich jedoch mit der Einführung der wohltemperierten Stimmung im Jahr 1691 änderte – zumindest bei Instrumenten mit festgelegten Tonhöhen (z. B. Klavier).
Doch wann heißt der Ton im vierten Bund nun C# und wann Db? Dafür spielen hauptsächlich zwei Faktoren eine Rolle: Zum einen die Tonart, in der wir uns befinden. In einer Tonart mit b-Vorzeichen fällt natürlich die Wahl auf Db, in einer Tonart mit #-Vorzeichen auf C#. Der zweite Faktor ist die Spiel-Richtung. Gehe ich aufwärts, verwendet man in der Regel #-Vorzeichen, daher C#. Geht man abwärts, verwendet man in der Regel b-Vorzeichen, daher Db.
Das Ganze spielt auch bei der Identifizierung von Tonarten eine Rolle. Statt eine Tonart mit sehr vielen Vorzeichen zu wählen, sollte man lieber auf die enharmonisch verwechselte Alternative setzen. Statt G#-Dur mit sieben #-Vorzeichen ist daher beispielsweise eher Ab-Dur mit vier b-Vorzeichen zu bevorzugen – man will das Leben den beteiligten Musiker:innen ja nicht unnötig schwer machen!
Tonarten von Songs mit Noten erkennen
Eine der häufigsten Fragen, die ich im Unterricht oder bei Workshops höre, lautet: „Wie finde ich die Tonart eines Songs heraus?“ Die Frage zielt vor allem darauf ab, welches Tonmaterial man außer den Grundtönen der verwendeten Akkorde spielen kann. Der einfachste Fall ist, dass ich nach Noten spiele – typische Situationen sind z. B. ein Chor, Musical, Session, Aushilfe, etc.
Zu Beginn jedes Stück stehen in der Regel die Vorzeichen. Mit meinem Grundwissen über den Quintenzirkel kann ich dies schnell auf eine Dur-Tonart beziehungsweise deren parallele Moll-Tonart einschränken. Um mich endgültig festzulegen, muss ich Ausschau nach dem tonalen Zentrum halten: Auf welchen Akkord wird häufig aufgelöst, welcher Akkord kommt häufig am Anfang oder Ende eine Phrase vor? Aber Vorsicht: Nicht jedes Lied beginnt per se mit der ersten Stufe einer Tonart (Tonika).
Nicht wenige moderne Songs sind auch modal, d. h. es findet keine Auflösung zur Tonika statt. Diese befinden sich dann in Kirchentonarten wie zum Beispiel dorisch oder mixolydisch. Dies führt an dieser Stelle aber etwas zu weit und wird einen eigenen Artikel bekommen.
Tonarten von Songs ohne Noten erkennen
Die häufigere und weitaus schwierigere Aufgabe ist es, die Tonart von Songs zu bestimmen, von denen man keinen Noten und nur die Musik hat. Hier muss man sich alles selbst „heraus-hören“. Ein typischer Fall ist etwa eine Coverband oder auch das Üben der eigenen Lieblingssongs auf dem heimischen Sofa.
Nehmen wir ein kleines Beispiel:
Zunächst hören wir uns die „Buchstaben“, also die Grundtöne der Akkordfolge heraus. Diese lauten wie folgt:
B – A – F# – G
Und schon wissen wir mehr, als wir vielleicht vermuten, denn jeder Ton dient uns als kleiner Hinweis!
- B: verrät schon einmal, dass es sich nur um eine #-Tonart handeln kann, da auf der b-Seite kein Ton B existiert. Mit einem einzigen Ton haben wir also schon 6 von 12 Tonarten ausgeschlossen.
- A: Schließt B-Dur und F#-Dur aus, da dort kein A, sondern ein A# vorkommt.
- F#: Bestätigt einiges und sagt uns, das wir es mit mindestens einem # zu tun haben, da F# das erste #-Vorzeichen ist.
- G: Reduziert die Auswahl auf G- oder D-Dur. Ein # muss es sein (siehe F#), zwei # kann es sein, drei # scheiden aus, da das dritte # ein G# wäre.
Allein mit den vier Grundtönen können wir also die mögliche Tonart des Songs von zwölf auf zwei Optionen reduzieren. Aber wie treffen wir nun unsere endgültige Wahl zwischen G- und D-Dur?
Dur- und Moll bestimmen
Eine Möglichkeit wäre „Trial And Error“, also einfach die beiden Tonleitern zum Song ausprobieren und hören, welche richtig ist. Die fundierte Variante ist jedoch, das Tongeschlecht der einzelnen Akkorde zu bestimmen. Dazu spielen wir einfach die möglichen Terzen zu den Akkorden. Auch ohne große Theoriekenntnisse kann man dies ganz leicht umsetzen: Die kleine Terz ist drei Halbtöne (= Moll), die große vier Halbtöne (= Dur) vom Grundton entfernt.
Um dies möglichst gut hören zu können, spielen wir die Terzen eine Oktave höher. Hier sind die vier Akkorde mit jeweils der Dur-Terz.
Und jetzt mit ausschließlich Moll-Terzen:
Ich denke, da bleiben keine Fragen offen, oder? Wir hören sehr deutlich, dass die Akkorde wie folgt lauten muss:
Bm – A – F#m – G
Der Akkord A-Dur besteht aus den Tönen A, C# und E. Seine Terz (das C#) bestätigt endgültig die Tonart B-Moll. Diese ist die parallele Moll-Tonart zu D-Dur. Warum dann B-Moll und nicht D-Dur? B-Moll ist eindeutig das tonale Zentrum, die Akkordfolge beginnt damit und es wird immer wieder darauf hin zurückgeführt.
Ach ja: Vielleicht ist es bereits jemanden aufgefallen, die Akkordfolge habe ich mir von Charlie Puths Hit „Attention“ ausgeliehen.
Ausnahmen
Das bisher gewonnene Wissen deckt schon einiges im Bereich Rock- und Pop-Harmonik ab, aber natürlich lässt sich nicht jeder Song so einfach und eindeutig einer Tonart zu ordnen. Es gibt harmonische Wendungen und kompositorische Mittel, welche vom direkten Pfad abweichen. Sonst wäre Musik auf Dauer ja auch relativ langweilig.
Welche Optionen es hierbei gibt, führt heute jedoch beim Thema „Quintenzirkel“ zu weit. Einiges davon werden wir daher an anderer Stelle intensiver behandeln.
Viel Spaß und bis zum nächsten Mal, euer Thomas Meinlschmidt